Zweitägiger Praxis-Workshop zur digitalen Barrierefreiheit: von rechtlichen Standards (WCAG, EAA, BFSG) bis zur praktischen Umsetzung mit semantischem HTML, ARIA-Mustern, barrierefreiem JavaScript und automatisierten Tests in CI/CD-Pipelines.
Barrierefreiheit in der Webentwicklung
Dauer: 2 Tage
Zielgruppe
Entwickler, QA-Engineers und technische Rollen (z.B. technische Leads und Product Owner), die inklusive und rechtskonforme digitale Produkte entwickeln möchten. Vorkenntnisse im Bereich Barrierefreiheit sind nicht erforderlich — der Workshop startet von Grund auf und baut Kenntnisse und praktische Fähigkeiten schrittweise auf.
Voraussetzungen
- Grundkenntnisse in HTML, CSS und JavaScript
- Allgemeines Verständnis von Webentwicklungskonzepten
- Keine Vorerfahrung mit Barrierefreiheit erforderlich
- Eigenes Laptop mit folgender Software vor dem Workshop installieren:
- Ein moderner Browser (Google Chrome oder Microsoft Edge empfohlen)
- Browser-Erweiterungen: axe DevTools und WAVE Evaluation Tool
- Ein Screenreader: Windows — NVDA (kostenlos) oder Narrator (integriert); macOS/iOS — VoiceOver (integriert); Android — TalkBack (integriert)
- Ein Code-Editor (z.B. Visual Studio Code)
- Node.js (LTS-Version) — für CLI-basierte Barrierefreiheits-Testwerkzeuge
Lernziele
Nach Abschluss dieses Workshops werden die Teilnehmer in der Lage sein:
- Die Kernprinzipien digitaler Barrierefreiheit zu verstehen und zu erklären, warum sie für Nutzer, Unternehmen und die Gesetzgebung relevant sind
- Die zutreffenden gesetzlichen Rahmenbedingungen und Standards zu identifizieren und anzuwenden (WCAG 2.1/2.2, European Accessibility Act 2025, BFSG, W-ADG)
- Verantwortlichkeiten für Barrierefreiheit in verschiedenen Rollen eines Produktteams zu benennen
- Barrierefreiheit frühzeitig im UX/UI-Designprozess zu berücksichtigen
- Barrierefreies HTML, CSS, JavaScript und ARIA zu schreiben und häufige Probleme zu beheben
- Korrekte Focus-Gestaltung und Focus-Management für Tastatur- und Screenreader-Nutzer zu implementieren
- Etablierte barrierefreie Muster für gängige UI-Komponenten einzusetzen (Navigation, Dialoge, Formulare, Tabs)
- Drittanbieter-UI-Bibliotheken und Frameworks auf Barrierefreiheits-Schwachstellen zu bewerten
- Automatisierte und manuelle Barrierefreiheitstests durchzuführen und Prüfungen in CI/CD-Pipelines zu integrieren
Agenda
Tag 1 – Vormittag: Grundlagen und rechtliche Rahmenbedingungen
1. Einführung in digitale Barrierefreiheit
- Was Barrierefreiheit bedeutet und wer davon profitiert — das Spektrum von Behinderungen und assistive Technologien
- Der Business Case: rechtliche Risiken, Marktreichweite und SEO-Vorteile
- Überblick über assistive Technologien: Screenreader, Tastaturnavigation, Sprachsteuerung, Bildschirmvergrößerung
2. Gesetzliche Rahmenbedingungen und Standards
- WCAG 2.1 und 2.2: Aufbau, Konformitätsstufen (A, AA, AAA) und Erfolgskriterien
- Der European Accessibility Act (EAA) 2025 und seine Auswirkungen auf Softwareprodukte
- Deutsches Recht: BFSG und W-ADG — Anwendungsbereich, Pflichten und Fristen
- Die POUR-Prinzipien im Detail: Wahrnehmbar, Bedienbar, Verständlich, Robust
- Rollenverantwortung: Wer ist im Produktteam für Barrierefreiheit zuständig?
Praktische Übung: Tastaturnavigation — eine echte Website ausschließlich per Tastatur bedienen und Problempunkte identifizieren.
Tag 1 – Nachmittag: UX/UI-Design und Barrierefreiheit
3. Barrierefreiheit im Designprozess
- Farbkontrast: WCAG-Anforderungen, Werkzeuge und typische Fehler
- Typografie, Abstände und Touch-Target-Größen für inklusives Design
- Shifting Left: Barrierefreiheit in Wireframes und Prototypen einbetten
- Barrierefreie Designmuster für gängige UI-Komponenten: Navigation, Dialoge, Formulare, Tabs, Karusselle
4. Design-Review und Übergabe
- Designs vor der Implementierung auf Barrierefreiheit prüfen
- Barrierefreiheitsanforderungen vom Design in die Entwicklung kommunizieren
- Design-Tokens und Component Libraries barrierefrei einsetzen
Praktische Übung: Farbkontrast-Lab — ein bereitgestelltes Design-Mockup auditieren, Verstöße identifizieren und Korrekturen vorschlagen.
Tag 2 – Vormittag: Barrierefreie Programmierung
5. Semantisches HTML und ARIA
- Semantische HTML-Elemente und Landmark-Regionen:
<main>,<nav>,<header>,<aside>, Überschriften - Wann und wie ARIA einzusetzen ist: Rollen, Zustände und Eigenschaften
- ARIA-Authoring-Practices: Die erste ARIA-Regel, Live-Regionen,
aria-labelvs.aria-labelledby - Focus-Gestaltung: sichtbare Fokusindikatoren und
:focus-visible - Focus-Management: Modaldialoge, Single-Page-Navigation, dynamische Inhalte
6. Barrierefreie JavaScript-Muster
- Dynamische Inhaltsaktualisierungen mit ARIA-Live-Regionen ankündigen
- Tastatur-Interaktionsmuster: Roving Tabindex, zusammengesetzte Widgets
- Barrierefreie Custom-Komponenten erstellen: Dropdown-Menüs, Accordions, Datepicker
- Häufige Fallstricke: click-only-Handler,
div-basierte Buttons, fehlende Tastaturunterstützung
Praktische Übung: Live-Coding-Session — eine Reihe absichtlich unzugänglicher UI-Komponenten mit semantischem HTML, ARIA und korrektem Focus-Management beheben.
Tag 2 – Nachmittag: Testing, Werkzeuge und Best Practices
7. Automatisiertes Barrierefreiheits-Testing
- Überblick über automatisierte Werkzeuge: axe DevTools, Lighthouse, pa11y, IBM Equal Access Checker
- Was automatisierte Werkzeuge erkennen können — und was nicht (typischerweise 30–40 % der Probleme)
- axe oder pa11y in CI/CD-Pipelines integrieren: Beispiele für GitHub Actions und Azure DevOps
- Linting für Barrierefreiheit:
eslint-plugin-jsx-a11yfür React und ähnliche Werkzeuge für andere Frameworks
8. Manuelles Testing und Screenreader
- Manuelle Testcheckliste: Tastaturnavigation, Fokusreihenfolge, Farbkontrast, Formular-Labels, Fehlermeldungen
- Screenreader-Grundlagen: NVDA unter Windows, VoiceOver unter macOS — Modi, virtueller Cursor, wichtige Tastenkürzel
- Dynamische Inhalte und Single-Page-Anwendungen mit Screenreadern testen
- UI-Komponentenbibliotheken und Frameworks auf Barrierefreiheitsqualität bewerten
9. Barrierefreiheit im Entwicklungs-Workflow
- Barrierefreiheits-Akzeptanzkriterien in User Stories und Definition of Done
- Schlanker Barrierefreiheits-Review-Prozess für Pull Requests
- Behebungsstrategien: Probleme nach Auswirkung und Aufwand priorisieren
- Aktuell bleiben: WCAG-Updates, Browser-Kompatibilitätsänderungen, Community-Ressourcen
Praktische Übung: Vollständiger Barrierefreiheits-Audit — automatisierte Werkzeuge und manuelle Screenreader-Tests an einer bereitgestellten Beispielanwendung durchführen, Befunde dokumentieren und einen priorisierten Behebungsplan erstellen.
Praktische Übungen
- Eine echte Website ausschließlich per Tastatur bedienen und WCAG-Verstöße identifizieren.
- Ein Design-Mockup auf Farbkontrast und Touch-Target-Konformität auditieren und Korrekturen vorschlagen.
- Einen Satz unzugänglicher HTML/CSS/JavaScript-Komponenten in einer Live-Coding-Session beheben.
- pa11y in eine CI/CD-Pipeline integrieren und Fehlerschwellenwerte konfigurieren.
- Einen vollständigen Barrierefreiheits-Audit (automatisiert + manueller Screenreader-Test) an einer Beispiel-Webanwendung durchführen und eine priorisierte Problemliste erstellen.
Ergebnisse
- Sicheres Verständnis der Anforderungen aus WCAG 2.1/2.2, EAA 2025, BFSG und W-ADG
- In der Lage, barrierefreies HTML, CSS, JavaScript und ARIA von Beginn an zu schreiben
- Versiert im Einsatz von axe DevTools, NVDA und VoiceOver für Barrierefreiheitstests
- Fähig, automatisierte Barrierefreiheitsprüfungen in CI/CD-Pipelines zu integrieren
- Bereit, Barrierefreiheitspraktiken in Team-Workflows, Design-Reviews und die Definition of Done einzuführen